Digitale Barrierefreiheit beginnt nicht erst in der Entwicklung oder im Testing. Viele Accessibility-Probleme entstehen bereits im Designprozess – und lassen sich dort oft mit wenig Aufwand vermeiden.
Die gute Nachricht: Man muss kein Accessibility-Experte sein, um erste wichtige Verbesserungen umzusetzen. Schon wenige einfache Checks helfen dabei, digitale Produkte zugänglicher und nutzerfreundlicher für alle Menschen zu gestalten.
Hier sind zehn schnelle Accessibility-Checks, die Designer direkt in ihren Arbeitsalltag integrieren können.
1. Reicht der Farbkontrast aus?
Einer der häufigsten Accessibility-Probleme sind zu geringe Kontraste zwischen Text und Hintergrund.
Besonders betroffen sind:
- heller Grauton auf weißem Hintergrund
- kleine Texte
- Buttons mit schwacher Farbgebung
Ein guter Richtwert:
- normaler Text: mindestens 4.5:1
- große Schrift: mindestens 3:1
Tools wie Stark, Contrast oder die integrierten Funktionen in Figma helfen bei der schnellen Überprüfung.
2. Funktioniert die Oberfläche auch ohne Farbe?
Farben sollten niemals die einzige Möglichkeit sein, Informationen zu vermitteln.
Problematisch sind beispielsweise:
- Fehlermeldungen nur in Rot
- aktive Zustände ausschließlich durch Farbe
- Diagramme ohne zusätzliche Kennzeichnung
Ergänze Farben immer durch:
- Icons
- Labels
- Muster
- Texte
- Unterstreichungen
3. Sind Schriftgrößen gut lesbar?
Sehr kleine Schriftgrößen wirken oft modern oder minimalistisch – sind aber für viele Menschen schwer lesbar.
Empfehlungen:
- Fließtext möglichst nicht unter 16px
- ausreichender Zeilenabstand
- keine extrem dünnen Schriftgewichte
Gute Lesbarkeit verbessert die User Experience für alle Menschen – nicht nur für Menschen mit Einschränkungen.
4. Gibt es klare Fokus-Zustände?
Viele Menschen navigieren mit der Tastatur statt mit der Maus.
Deshalb wichtig:
- sichtbare Fokus-Rahmen
- klare Hover- und Fokuszustände
- keine entfernten Outline-Styles ohne Ersatz
Ein häufiger Fehler:
outline: none;
Wenn Fokuszustände verschwinden, wird Navigation schnell schwierig oder unmöglich.
Auch Kontrastvorgaben sollten bei der Wahl des Fokus-Rahmens berücksichtigt werden, um eine Sichtbarkeit zu gewährleisten.
5. Sind Buttons und Links eindeutig erkennbar?
Interaktive Elemente sollten sofort als solche wahrnehmbar sein.
Problematisch:
- Links ohne Unterstreichung
- klickbare Elemente ohne visuelles Feedback (z. B. sollte sich der Mauszeiger ändern)
- zu kleine Klickflächen ( Buttons sollten minimal sollten sie 24 x 24 Pixel betragen nach WCAG)
Besonders auf mobilen Geräten sind ausreichend große Touch-Ziele entscheidend.
6. Ist die Informationshierarchie klar?
Eine gute visuelle Hierarchie hilft allen Nutzern bei der Orientierung.
Fragen zur Selbstkontrolle:
- Ist sofort erkennbar, worum es auf der Seite geht?
- Sind Überschriften klar strukturiert?
- Werden wichtige Inhalte visuell hervorgehoben?
Klare Strukturen reduzieren kognitive Belastung und verbessern die Verständlichkeit.
7. Sind Formulare verständlich gestaltet?
Formulare gehören zu den häufigsten Problemquellen.
Wichtige Punkte:
- sichtbare Labels statt nur Placeholder
- verständliche Fehlermeldungen
- klare Pflichtfeld-Kennzeichnung
- ausreichend Abstand zwischen Eingabefeldern
Ein gutes Formular unterstützt Menschen – statt sie zu frustrieren.
8. Funktionieren Komponenten auch mit Zoom?
Viele Menschen vergrößern Inhalte auf 200 % oder mehr.
Teste deshalb:
- Brechen Inhalte auseinander?
- Werden Texte abgeschnitten?
- Funktionieren Navigation und Dialoge weiterhin?
Responsive Design allein bedeutet nicht automatisch barrierefreies Design.
9. Werden Bewegungen sinnvoll eingesetzt?
Animationen können Orientierung schaffen – aber auch überfordern.
Vermeide:
- hektische Bewegungen
- dauerhaft animierte Inhalte
- unerwartete automatische Bewegungen
Animation sollte unterstützen, nicht ablenken.
10. Würde die Oberfläche auch ohne Design funktionieren?
Ein hilfreicher Gedanke:
Funktioniert die Seite noch, wenn Farben, Schatten und Animationen entfernt werden?
Wenn Struktur, Verständlichkeit und Bedienbarkeit dann weiterhin funktionieren, ist meist bereits eine gute Grundlage geschaffen.
Accessibility bedeutet nicht, auf gutes Design zu verzichten. Im Gegenteil: Häufig entstehen dadurch klarere, verständlichere und bessere Nutzererlebnisse für alle.
Fazit
Barrierefreiheit ist kein zusätzlicher Schritt am Ende eines Projekts. Sie beginnt bereits im Designprozess (und sollte schon in den Anforderungen mit berücksichtig sein) – bei Entscheidungen über Farben, Typografie, Struktur und Interaktionen.
Schon kleine Anpassungen können einen großen Unterschied machen. Nicht nur für Menschen mit Einschränkungen, sondern für alle, die digitale Produkte nutzen.




