Strategie

Strategie zur Erhöhung des Reifegrads: Barrierefreiheit langfristig gedacht

Digitale Barrierefreiheit entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch nachhaltige Prozesse, gemeinsame Standards und gelebtes Bewusstsein im Team und Unternehmen.

Startpunkt: Den Reifegrad messen – was ist der Status Quo?

Als Orientierungspunkt, um den Reifegrad für Barrierefreiheit in einem Unternehmen messen zu können, bietet die ISO/IEC 30071-1:2019 (Information technology — Development of user interface accessibility Part 1: Code of practice for creating accessible ICT products and services) eine gute Orientierung und Startpunkt.

Die Agentur Hassell Inclusion hat eine sogenannte „Accessibility Maturity Scorecard“ entwickelt. Bei dieser handelt es sich um einen umfassenden Fragebogen zu verschiedenen Themenbereichen, zum Beispiel Motivation, Verantwortlichkeiten oder Kapazitäten. Der daraus abgeleitete Prozentsatz gibt eine erste Orientierung für den Status Quo und die erforderliche Strategie, um Unternehmen langfristig darauf vorzubereiten die digitale Barrierefreiheit nachhaltig zu integrieren.

Der Link zur Accessibility Maturity Scorecard: https://www.hassellinclusion.com/accessibility-maturity-scorecard/

Das Reifegradmodell

Die meisten Reifegradmodelle nutzen typischerweise ein 5-Stufen-System, um den Fortschritt zu messen:

  • Stufe 1: Ungeplant (oder initial/chaotisch)
  • Stufe 2: Wiederholbar
  • Stufe 3: Definiert
  • Stufe 4: Organisiert
  • Stufe 5: Optimiert

Diesen Stufen habe ich beispielhaft verschiedene Maßnahmen zugeordnet anhand derer sich der Reifegrad ablesen lässt:

Stufe 1: Ungeplant (oder initial/chaotisch)

  • adhoc
  • unkontrolliert
  • reaktiv

Stufe 2: Wiederholbar

  • Disziplinen sind motiviert
  • Verständnis für die Notwendigkeit
  • Maßnahmen lassen sich wiederholen

Stufe 3: Definiert

  • offenes Engagement (VPAT, Erklärung zur Barrierefreiheit, Policies)
  • Verständnis für die Notwendigkeit
  • Definierte Akzeptanzkriterien
  • Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen
  • Dokumentierte Prozesse
  • Berücksichtigung in Geschäftsstrategie

Stufe 4: Organisiert

  • Inklusivität ist gelebte
Praxis im Geschäftsalltag
  • aktives Koordinieren von Maßnahmen
  • Definierte Akzeptanzkriterien
  • Messen von Zielen und
Meilensteinen

Stufe 5: Optimiert

  • kontinuierliche Optimierung der Prozesse
  • Vorreiterrolle/Vorbildfunktion
  • spezifisches Budget für Innovationen
  • Teilen von Best Practices/bewährten Erfahrungen/Methoden

Strategie: Drei Phasen zur Erhöhung des Reifegrads

Die Strategie zur Erhöhung des Reifegrads für Barrierefreiheit und somit die Reduzierung des Risikos zu diskriminieren, habe ich in drei Phasen eingeteilt:

  • Ermutigen (Stufen 1 und 2)
  • Ermächtigen (Stufen 2, 3 und 4)
  • Etablieren (Stufen 4 und 5)

Die Einteilung der Phasen und Stufen ist nicht komplett trennscharf und überschneiden sich, je nach Größe, Struktur und Aufbau eines Unternehmens.

Phase 1: Ermutigen – Beispielhafte Maßnahmen

In der ersten Phase geht es darum, Aufmerksamkeit für das Thema der „digitalen Barrierefreiheit“ zu schaffen und jede einzelne Disziplin zu ermutigen, sich damit auseinander zu setzen, was es bedeutet, Inhalte und Anwendungen für jeden zugänglich zu machen – angefangen mit der gesetzlichen Anforderung des BFSG (oder European Accessibility Act) und dem Aufzeigen der Vorteile für alle (zum Beispiel „Curb-Cut-Effect“):

Beispiele:

  • Präsentationen
  • User Research/Einladen von betroffenen Personen
  • Externes Barrierefreiheits-Audit
  • Hackathon/Ideathon
  • Event zum Kennenlernen assistiver Technologien
Auszug aus einer Präsentation um für Aufmerksamkeit und Sensibilisierung zu werben

Phase 2: Ermächtigen – Beispielhafte Maßnahmen

In der zweiten Phase geht es darum, einzelne Teams und Disziplinen, die an der Entwicklung von digitalen Produkten beteiligt sind, mit dem notwendigen Wissen und Tools auszustatten.

Beispiele:

  • Grundlagenschulungen für digitale Barrierefreiheit
  • Rollen-spezifische Schulungen, z. B. für Redakteure, Designer, Entwickler, Tester
  • Erstellen einer Prioritätenliste zur Behebung von Fehlern
  • Sensibilisieren von Anforderern/Geschäftsführung („Shift-Left-Mentalität“ etablieren)
  • Klare Verantwortlichkeiten klären/definieren
  • Verankerung und dokumentieren von Standards für Barrierefreiheit in Styleguides (z. B. Einigung aller Disziplinen auf den gleichen Standard, beispielsweise WCAG 2.2 Level AA) in bestehende Prozesse
  • Kontinuierliches Messen des Reifegrades
Auszug aus einer Management-Präsentation zur Veranschaulichung des Status Quo nach Phase 1
Beispiele von Barrierefreiheit im Styleguide

Phase 3: Etablieren – Beispielhafte Maßnahmen

In der dritten Phase geht es darum, das Wissen und die Erfahrungen nachhaltig in die Prozesse zu integrieren, z. B. da sich Standards stetig weiter entwickeln und neue Anforderungen hinzukommen. In Phase 2 wurden Maßnahmen umgesetzt und Prozesse etabliert, die nun weiter optimiert werden sollten.

Beispiele:

  • Verantwortliche Ansprechpersonen für digitale Barrierefreiheit definieren, die z. B. einen Überblick über den „Gesundheits-Zustand“ der Barrierefreiheit der einzelnen Produkte informiert sind und auch Schulungen für neue Standards organisieren
  • Messen des Return on Invests durch die Umsetzung von digitaler Barrierefreiheit
  • Internen Support/Arbeitsgruppe für digitale Barrierefreiheit etablieren
  • Einladen von anderen Unternehmen/Disziplinen aus anderen Unternehmen zum Austausch und/oder Präsentation von Best Practices
  • Ideen-Workshops mit dem Fokus auf Barrierefreiheit